Stille – Pssssst

stille.

Text / Kilian Acher

Daniel Ledermann – fs 180 / Theo Acworth
Andreas Schmid – Push / Matthias Welker
André Gerlich – bs Wallride / Robert Christ

André Gerlich – Caveman Wallride / Robert Christ
Tim Thomas – fs Bluntslide Pop Out to fakie / Fabian Reichenbach
Martin Schiffl – Hippie Jump / Robert Christ
Tim Thomas – Push / Fabian Reichenbach
Philipp Josephu – Pupecki / Hannes Mautner
Martin Schiffl – bs Powerslide / Robert Christ
Dominic Wenzel – bs 360 / Thomas Gentsch
Malte Spitz – fs Noseslide / Henrik Biemer
Patrick Wenz / Robert Christ

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„Stille“ – selten haben oder finden wir sie in unserer modernen Welt. Ganz im Gegenteil haben wir meist eine Art ständig anhaltenden Lärm, in dem wir leben, ganz gleich, ob er von außen kommt oder sogar in uns drin herrscht. Sei es die Schule, die Familie, der Job, die Kinder, die Baustelle vor der Tür oder die Autos auf den Straßen, die selten weit weg sind. Natürlich trifft das nicht zu hundert Prozent auf alle Menschen zu, aber ich denke, man kann schon behaupten, dass wir eine Gesellschaft sind, die in diesem Sinne ihre „Wurzeln“ vernachlässigt hat, beziehungsweise den Kontakt zu ihnen verloren hat. Jetzt stellt sich die Frage, wie es dazu kam. Liegt es daran, was die „Stille“ mit uns macht oder wie wir auf sie reagieren? Aber zunächst viel grundlegender die Frage, was „Stille“ überhaupt ist? Simpel ausgedrückt ist „Stille“ eine lautlose Umgebung, ganz ruhig und ohne Störungen – also die Abwesenheit von Geräuschen im herkömmlichen Sinne. Das geht bis zu dem Moment zurück, in dem Kinder beim „Stillen“ ruhiger werden und nur noch das wesentliche passiert, woher sich das Wort auch ableitet.

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Es gibt verschiedenste Situationen, Umgebungen und Momente, in denen „Stille“ existiert und man könnte vielleicht sogar sagen, dass sie, wie eben schon angedeutet, unser Startpunkt war und sie deshalb ganz unterschiedlich, aber auf tiefster Ebene auf uns wirkt und unseren Nenner darstellt. Hierbei muss man aber vor allem einen großen Unterschied machen und sich auch im Folgenden darüber bewusst sein, dass es unterschiedliche Arten von „Stille“ gibt. Extreme „Stille“, welche zum Beispiel in einem sogenannten „Camera silens“, einem völlig schallisolierten und dunklen Raum, künstlich produziert werden muss und uns somit mehr als fremd ist, wirkt auch ganz genau so auf uns: Fremd, erdrückend, beängstigend und einsam. Natürliche „Stille“, wie wir sie in der Natur, an ruhigen morgendlichen Seen und ähnlichen Orten finden und erfahren, kann wiederum in einer Vielzahl von Arten eine positive Wirkung auf uns haben. Sie kann uns beruhigen, sie entschleunigt uns und bietet vor allem die Möglichkeit zur Reflexion und den Blick fürs Wesentliche. Das haben nicht nur Künstler in allen Disziplinen und Epochen bemerkt, sondern auch schon vor ihnen viele alte Religionen und Kulturen, die mit philosophischen Praktiken versuchten, die Gelegenheit zu erlangen, durch Ruhe und „Stille“ den scheinbaren Kontakt zu etwas Größerem zu verspüren. Auch wenn der Vergleich vielleicht ein bisschen mutig ist, würde ich behaupten jede/r Skater/In kennt eine Art von „Stille“, die der, von denen die Gelehrten und KünstlerInnen sprachen und sprechen, gleichkommt. „Kopf aus“ und nur rollen – ein Ventil, das den Lärm aus unserem Kopf lässt und einen Raum voller Kreativität, Möglichkeiten und Ausdruck zurück lässt- „Stille“ eben…

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Wir kennen alle Sprichwörter, wie zum Beispiel „In der Ruhe liegt die Kraft“ oder „Je stiller du wirst, desto mehr kannst du hören“, aber kennen wir sie noch, diese „Stille“? Brauchen wir diese „Stille“ denn überhaupt? Wenn man sich unsere Welt anschaut und ein bisschen an der Oberfläche kratzt, wird man schnell auf die immer mehr werdenden Angebote für Wellness, „Down-time“, Meditation, Yoga,„Noise-Canceling-Headphones“ und noch so einige Dinge mehr finden, welche uns ein wenig Distanz und Nähe zu Erlösung vom Alltagslärm versprechen und sieht, wie viel Leute dafür bereit sind, zu tun oder gar zu bezahlen. Einige dieser Angebote sind sicher in der Lage, einem die „echte“, die natürliche und reiche „Stille“ zu zeigen, andere dagegen eher weniger. Dennoch glaube ich, dass jeder Mensch diese „Stille“ schon einmal erfahren hat und sie sehr wichtig für uns ist, ganz gleich, ob sie heutzutage noch auf der Suche danach sind oder eben nicht. Kurioserweise ist es aber erst ein paar Monate her, als wir durch ein Ereignis innerhalb von wenigen Wochen einen Spiegel vorgehalten bekamen und die Mehrheit von uns gezwungen war, sich mit „Stille“ auseinander zu setzten oder zumindest mit ihren Verwandten, Entschleunigung und „Langeweile“ klarzukommen. Ein Virus, das COVID-19 verursacht, welcher Ende des Jahres 2019 die Welt in kürzester Zeit nicht nur erschütterte, sondern schlicht und ergreifend verändert hat – wie extrem beziehungsweise wie langlebig diese Veränderungen sind, bleibt abzuwarten, trotzdem haben nicht nur die Wirtschaft und Politik einiges zu ändern und zu meistern, sondern vor allem die Menschen untereinander und für sich selbst. Sie mussten Wege und Mittel finden, um sich mit einer solchen Situation zu arrangieren. Es handelt sich um eine neuartige Form des bereits bekannten Coronavirus, welcher in Kombination mit seiner raschen Verbreitung für sehr viele teilweise lebensbedrohliche und gar tödliche Folgen hatte und leider immer noch hat.

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Der Input an Fakten als auch Gerüchten war gewaltig und kam jetzt plötzlich on-top auf den ganzen Wahnsinn, der sonst auf diesem Planeten Tag ein Tag aus stattfindet – heute hat sich daran leider immer noch nicht viel geändert. Also, was machen Menschen, wenn sie sich gegenüber einer Pandemie sehen, in der Angst mit Pflichtbewusstsein, Ungewissheit mit Verzicht und neue allgemeine Gesetzte mit Freiheitsansprüchen kollidieren? Man könnte auch hier, wie es in der Medienlandschaft sehr oft der Fall ist, über all die negativen und aufwühlenden Ereignisse, wie zum Beispiel die extremen politischen Entscheidungen, geschlossene Grenzen, die kopflosen Hamsterkäufe und so weiter schreiben. Ich möchte mich aber auf das Positive konzentrieren und hiermit die Kernfrage stellen: Wie kann all dieser Wahnsinn uns helfen und zwar nicht nur allgemein gesprochen, sondern weil das hier ein Skateboarding Magazin ist, auch speziell in unserer Branche und im alltäglichen Leben? Wir haben viel Tolles gesehen! Jung und Alt, die sich auf persönlicher Ebene solidarisieren und unterstützen. Sei es durch Gesten wie Einkäufen für die Nachbarn, kleine Regenbogenbilder in den Fenstern,damit alle Kinder sehen, dass sie nicht alleine sind und überall da, wo sich so ein Bild im Fenster befindet, auch ein Kind zuhause bleibt. Wir haben gesehen, wie die zuvor schon erwähnte Kreativität nahezu explodiert ist. Dinge wurden im klassischem DIY-Style repariert, neu geschaffen oder einfach nur verschönert. Skaten auf dem Teppich hat man lange nicht gesehen und manche haben es sogar durchs ganze Haus oder Wohnung getrieben und wie andere über Social Media S.K.A.T.E-Turniere gezockt. Wer nach Tagen des Lagerkollers dann doch die dringend notwendige frische Luft gesucht hat, hat Wege gefunden in Solo-Mission oder kleinsten Skater-Filmer-Combos skaten zu gehen. So konnten entweder Spots geskatet werden, die sonst nie möglich waren oder es gab Flashbacks zu Zeiten, in denen wir noch keinen geilen Boden, perfekte Plazas oder gar Skateparks hatten und der Randstein oder die Einfahrt vor dem Haus so derbe zerlegt wurden, dass einem das Herz aufging. So wurden wir zum Teil auch in Sachen Skateboarding wieder auf das Wesentliche fokussiert und ich für meinen Teil habe das sehr genossen. Skateboarding und die Menschen, die es zum Leben erwecken, werden nie aufhören, uns zu überraschen und das hört auch nicht auf der Businessseite auf. Verschiedenste Aktionen haben uns gezeigt, dass auch nach Corona neue Wege in Business und Kommunikation gegangen werden können und vielleicht sogar müssen.

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Sei es zum Beispiel das „Vans-Foot-the-Bill“ Konzept, in dem jede/r Einzelne durch das Personalisieren und Kaufen von „Vans-Custom-Schuhen“ ihren Lieblingsshop unterstützen konnten. Oder die Aktion der Münchner SHRN-Crew, Seife selbst herzustellen und zusammen mit einem T-Shirt unter dem Motto „eine Hand wäscht die andere“ zu verkaufen und so nicht nur die Hygienevorschriften zu unterstreichen, sondern auch unseren Wunsch nach Community und Support per Seife und Shirt zu symbolisieren. Ein weiteres Projekt, das in meinen Augen auch längst nötig war und auch für die Zukunft uns erhalten bleiben sollte, nennt sich ENLARGE und wurde von Dennis Scholz und Leo Preisinger ins Leben gerufen und zusammen mit den Kollegen vom SOLO Skateboardmag auf die Beine gestellt. Dabei handelt es sich um eine Onlineplattform, auf der  verschiedenste europäische Skatefotografen ihre Bilder zum Verkauf anbieten und wir als Community endlich auch mal den Fotografen etwas zurückgeben können. Das geschieht, indem wir einen hochwertigen Fotodruck in wählbarer Größe kaufen und somit der Erlös entweder direkt an die jeweiligen Fotografen geht und ihnen somit hilft über die Runden zu kommen oder direkt an die Corona-Nothilfe gespendet wird – Win Win! Die eben genannten Aktionen sollen natürlich nur ein paar Beispiele für die vielen kleinen und großen Initiativen sein, die auf der ganzen Welt im Skateboarding und auch sonst überall aus dem Boden sprießen. Wenn du das liest und du egal in welcher Form oder auf welche Art und Weise in dieser Zeit etwas geschaffen hast, danke dafür! Jeder war und ist glücklich über etwas Positives.

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Wir sehen also, dass eine solche „Katastrophe“ auch definitiv positive Seiten oder zumindest positiven Output haben kann. Ich will hier nochmal ganz klar sagen, dass ich dieses Virus und die weltweiten Tragödien, die daraus resultiert sind, nicht verleugnen oder gar kleinreden möchte, aber ich bin der Ansicht, dass es gerade in so einer Lage niemandem etwas bringt, sich nur auf die negativen Dinge zu konzentrieren und es doch viel interessanter wäre, das Potential zu sehen und bestimmte Erkenntnisse mit in die Zukunft zu nehmen. Um den Bogen hier zu schließen, würde ich euch gerne nochmal ein paar Fragen stellen wollen beziehungsweise Denkanstöße liefern, die ich mir selbst oft stelle und keine richtige Antwort finde. Vielleicht findet ihr mehr und vielleicht schaffen wir es gemeinsam, die aus den Fugen geratene Welt neu zu formen und uns die „Stille“ beizubehalten, um aus ihr schöpfen zu können. Wie werde ich mich in Zukunft verhalten, wen supporte ich (auch finanziell) und wofür engagiere ich mich? – Ja, auch gerade im Skateboarding? Es scheint bergab zu gehen, aber wer sagt, dass das Schlechte für unser System auch das Schlechte für unsere Gesellschaft sein muss, wenn diese gerade überwiegend so aussieht, dass der Großteil sein eigenes Ding machen will und sich eher emporheben möchte als andere? Für mich bleibt es dabei: „Geteiltes Leid ist halbes Leid“, „gemeinsam sind wir stark“ und wenn ich was dazumogeln darf, auch liebevoller und gesünder. In diesem Sinne, genießt die „Stille“, wenn sie kommt, genießt die Möglichkeiten, die sie hält und lasst uns versuchen, in Zukunft bewusster und mit uns als Community im Kopf Entscheidungen zu treffen – „By the Culture for the Culture“, auch im Alltag, weil wir alle im selben Boot sitzen und das beweist die „Stille“ doch am Ende eindeutig, oder?

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