Refugium – Johannes Kammerer

REFUGIUM

JOHANNES KAMMERER

REFUGIUM

JOHANNES KAMMERER

Intro und Interview — Kilian Acher

Portrait — Matthias Somberg

„Ich kenne Johannes schon seit ein paar Jahren und er war auch so ziemlich der Erste, mit dem ich oft rollen gegangen bin als ich nach Stuttgart zog. Eigentlich immer gut drauf, klar die einen oder anderen Ausraster mag es wohl gegeben haben aber nichts, was wir nicht alle kennen. Aber ja, im Großen und Ganzen ein Homie, mit dem jede Session – sei es auf dem Brett oder sonst wo – Spaß macht und entspannt ist! Als er mir das erste mal von seinem Film und der Idee erzählt hat, war mir nicht wirklich bewusst, in welche Richtung es gehen würde und womit er darauf hinaus will. Ich habe lange Zeit auch nicht wirklich über seine emotionale und mentale Verfassung Bescheid gewusst und es hat mich natürlich traurig gemacht, zu sehen und zu merken, wie er während der Entstehung des Films gestruggled hat. Gleichzeitig hat es mir aber auch gezeigt, dass wir alle mehr oder minder die gleichen Issues haben und lernen müssen, sie zu adressieren und anzugehen, um aus ihnen etwas Sinnvolles zu machen. Es hat mich beruhigt zu sehen, dass auch Leute zu denen ich irgendwo auch aufsehe, Leute die durch ihre Einstellung, ihr Wissen und Können, aber vor allem auch durch ihre ganze Art einfach so solide wirken, die selben Kinder sind wie ich. Deshalb freu ich mich auch sehr, dass wir seinen Film hier am Start haben und ich hoffe, dass du und ihr beruhigt sein könnt, dass es ein Refugium namens Skateboarding für uns alle gibt, in das wir uns zurückziehen, reflektieren und daraus wieder spielerischer in den Alltag gehen können. Danke Kayo für alles, was du für mich getan hast und ich freu mich schon, wenn wir das nächste mal spielen gehen – Cheers buddy!“

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01 — Grüß´ dich! Stell dich doch am besten kurz vor und verrat den Menschen, die dich nicht kennen, was du so machst, wenn du nicht auf dem Brett oder hinter der Kamera stehst.

 

Hey! Also mein Name ist Johannes Kammerer, ich bin 29, lebe in Stuttgart und wenn du mich so fragst, find ich das ein bisschen schwer zu sagen. Ich denke ich bin eine Person mit vielen Hobbys und Interessen und wenn ich jetzt nicht skaten bin oder an meinem filmischen Stuff arbeite, dann mach ich wahrscheinlich Mucke, baue Beats, fotografiere oder beschäftige mich mit Technik im Allgemeinen. Nichts desto trotz würde ich schon sagen, dass mein Hauptfokus in den letzten Jahren auf dem Skateboarden und Filme machen liegt und dabei hauptsächlich Animation, Motion Design und Visual Effects (VFX).

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02 — Dein Diplomfilm und der Grund warum wir heut quatschen, heißt „REFUGIUM“ und ist ein Film über Skateboarding – Gib uns doch einfach mal ein paar Background Informationen und verrat uns, was es mit Refugium auf sich hat?

 

Ja gerne! Ich hab jetzt die letzten drei Jahre am Animationsinstitut der Filmakademie Baden-Württemberg studiert. Hier hab ich mich hauptsächlich auf Animation und VFX spezialisiert und eben als Abschlussfilm „REFUGIUM“ produziert. „REFUGIUM“ bedeutet übersetzt Rückzugsort. Ich hatte lange mit dem Namen gehadert und überhaupt nach einem passenden Titel gesucht, aber für mich beschreibt er Skateboarding am Besten. Ich meine, wenn ich an Skaterboarding denke, dann ist es einfach mein Rückzugsort, ein Ort an den ich immer gehen kann, um abzuschalten und Kraft zu tanken. Egal wie sehr dich dein Umfeld, dein Alltag oder dein ganzes Leben im Moment abfucked und stresst – mit dem Skateboard kann man diesen Dingen immer auch ein bisschen entfliehen und alles ein bisschen entspannter und spielerischer angehen. Das ist auch die Thematik, um die es in dem Film geht.

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03 — Dann erzähl doch direkt mal, was du mit deinem Film aussagen wolltest und wie du da ran gegangen bist.

 

Naja ich hatte auf jeden Fall mega Bock ein Skatevideo zu machen, wollte gleichzeitig aber auch eine kleine Geschichte damit erzählen. Man muss sagen, dass ich zu diesem Zeitpunkt ziemlich stark mit Ängsten und Panikattacken zu kämpfen hatte und dazu natürlich noch die typischen Sorgen – Was mach ich nach dem Studium? Wie soll es weitergehen? Spring ich in dieses Hamsterrad oder versuch ich irgendwie auszubrechen? Ich wusste einfach nicht so recht, wo ich hin will. Und auch dieses mal hab ich gemerkt, wie das Skaten mir geholfen hat, diesen ganzen Sorgen zu entfliehen – fast wie Peter Pans „Neverland“, in dem man nicht Erwachsen werden muss und einfach immer Kind bleiben kann. Natürlich ist das aber auch nur eine Seite der Medaille, man kann sich nicht immer nur zurückziehen und dem ganzen entfliehen. Ich glaube jeder der mit Leidenschaft Skateboard fährt, kennt zum Beispiel diese Madness, die so frustrierend sein kann. Der Trick klappt nicht, der Crack in der Anfahrt nervt oder einfach nur, dass es anfängt zu Regnen – Kleinigkeiten, die dich so stressen können, dass du plötzlich in deinem Refugium wieder diesen Druck spürst. Der Unterschied hierbei ist aber, dass er von dir selbst kommt und du dich mit dir selbst auseinander setzten musst. Ich glaube Skateboarding ist damit einerseits ein Ventil gegen den Stress aus dem Alltag, gleichzeitig gibt es einem aber auch die Möglichkeit, sich selbst zu reflektieren und zu erkennen, dass ein lockerer und spielerischer Ansatz wohl der gesündere und bessere Weg ist. Im Endeffekt habe ich einfach nur versucht diese Entwicklung, die ich auch bei mir erlebt habe, in einen Film zu packen. Ich habe dem Film drei Akte gegeben: Am Anfang spielt sich alles in einer komplett düsteren Welt ab, man ist überwiegend im Untergrund oder es ist Nacht. Man sieht viele schnelle Schnitte von hektischem Verkehr und Menschenmengen und die Musik unterstreicht das alles auch nochmal. Für mich stellt das eine aufbauende Angst, Unsicherheit und einfach diesen Druck dar, der dann im Mittelteil durch eine Explosion endet. Die Explosion ist wie eine Panikattacke oder ein Wutanfall und diese dunkle Phase endet quasi in einem aggressiven Ausbruch – „Fuck ich halt’s nicht mehr aus und jetzt muss es einfach raus!“ Nach der Explosion folgt dann der Mittelteil, in dem die Musik in den Hintergrund rückt und man Alan Watts (Englischer Philosoph und Zen Buddhist) sprechen hört. Es sind Ausschnitte aus einer Vorlesung von ihm mit dem Titel „Life is not a Journey“ und umschreibt ganz gut, worum es geht. Er beschreibt, wie bedauerlich die menschliche Existenz ist, da wir wissen, dass wir vergänglich sind und dass wir uns mit unserer leistungsorientierten Lebensweise nur krank machen – er schlägt vor, das Leben spielerischer anzugehen und dadurch wieder mehr Freude an den alltäglichen Dingen zu erlangen. Währenddessen entwickelt sich der Film dann weiter in eine helle, harmonische und verspieltere Welt und wird quasi ein klassisches Skatevideo. Die Lösung, jedenfalls für mich: die Dinge einfach entspannter anzugehen und Probleme als Spiele zu sehen. Vielleicht sogar Erwartungshaltungen ganz abzulegen, egal woher sie kommen und einfach wieder Freude zu finden. Das funktioniert gut in Verbindung mit Skateboarding, aber ich glaube es ist mindestens genauso nützlich im Alltag.

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04 — Die unkonventionellen Schnitte und eben die ganzen VFX-Szenen sind mir auch am meisten aufgefallen – Was fasziniert dich an Visuellen Effekten und Animation und warum glaubst du passen sie so gut in deinen Film bzw. vielleicht sogar in Skatevideos allgemein?

 

Das habe ich ganz lange selbst nicht gewusst und bin mir auch immer noch nicht ganz sicher, ob die so gut passen. Das Einzige was ich in die Richtung kannte, waren die Ty Evans und Spike Jonze Produktionen wie „Yeah Right!“ oder „Pretty Sweet“ – ich muss sagen, dass es in meinen Augen bei Yeah Right! noch besser funktioniert hat als später bei Pretty Sweet, aber genau das ist das Ding, es ist einfach ein sehr schmaler Grat, bevor es cheesy wird. Klar, für meinen Diplomfilm habe ich auch diese Gefahr gesehen, aber es hat einfach am meisten Sinn gemacht, Skaten und Story über Animationen zu verbinden. So habe ich es geschafft eben nicht nur einen Film mit geilem Skaten zu machen, sondern auch mein Konzept und meine Aussage zu treffen, die ich andernfalls nicht genauso kommunizieren hätte können – ich habe versucht mit den Animationen eine zweite, emotionale Ebene zu erzählen.

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05 — War das schon immer so, dass du so an deine Videos und Filme rangegangen bist?

 

Nein, garnicht. Eigentlich alle Skatevideos, die ich bisher gemacht habe, sind einfach Homie-Videos und eigentlich genauso entstanden, wie ich das auch immer noch in erster Linie mache. Du gehst mit den Homies raus, rollst ein bisschen und wenn was geht, hältst du die Kamera drauf. So habe ich das Ding auch am liebsten und ich werde das auch weiterhin so machen, aber es war eben über Jahre schon ein großer Traum von mir, endlich auch mal richtig Zeit und Ressourcen in die Hände zu nehmen und ein Skatevideo professionell anzugehen und was richtig geiles zu machen. Ich wollte einfach selbst ein Skatevideo produzieren, auf das ich richtig stolz sein kann – auch aus künstlerischer Sicht

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06 — Bist du denn stolz drauf oder gibt es vielleicht auch etwas, was du retrospektiv bereust oder heute anders machen würdest?

 

Mh, klar hab ich zum Beispiel lange damit gehadert, ob ich nochmal ein Projekt mit Skateboarding verbinden will, gerade weil es auch mein Diplomfilm ist. Man kennt es vielleicht ja selber, dass man in der Schule irgendwelche Referate über Skateboarding gehalten hat. Ob es schlussendlich die beste Idee für meinen beruflichen Werdegang war  – ich weiß es nicht. Gleichzeitig dachte ich mir aber „wann werde ich das nächste mal so viel Budget, Ressourcen und ein ganzes Jahr Zeit haben, um einfach nur an einem Skatevideo arbeiten zu können!?“ Und ja, ich glaube ich würde das wieder so machen und würde sogar behaupten, dass es das Projekt in meiner bisherigen Laufbahn ist, auf das ich einfach richtig stolz bin.

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07 — Freut mich wirklich sehr zu hören und ich glaub das kannst du auch wirklich sein! Zum Schluss würden mich deine Gedanken zu der Musik im Film interessieren, gerade weil du vorher schon erwähnt hattest, dass du selber Mucke und Beats machst. Was für eine Rolle spielt denn die Musik in deinem Film und in deinem Leben allgemein?

 

Musik ist mir persönlich mega, mega wichtig! Der Großteil der Musik, die ich früher gehört habe oder auch heute noch höre, kam entweder direkt aus Skatevideos oder hat in irgendeiner Form mit Skateboarding zu tun. Die Mucke, die man damals am Skatepark gezeigt bekommen hat oder eben der eine Track, in dem neuen Video, der übergeil war – das ist fast wie Platten diggen, einfach eine riesengroße Schatzkiste innerhalb der ganzen Kultur. Ausserdem kann der richtige Sound einen ganzen Part oder gar ein ganzes Video tragen – ich mein jeder kennt den Keenan Milton (RIP) Song (Royal Flush – Worldwide) aus seinem Mouse und Yeah Right! Part. Ich bekomm jedes mal Gänsehaut, wenn der Track irgendwo angespielt wird, einfach Killer! Deswegen war es mir auch für meinen Film extrem wichtig, dass die Mucke in meinem Film geil ist und funktioniert. In den „Good-Old-Days“ haben viele Companies wahrscheinlich die meisten Tracks einfach gebootlegged und reingehauen – weil der Film aber über die Filmakademie veröffentlich wird, musste ich (oder eher meine Produzentin Laura) mich um alle Songrechte kümmern. Für mich gehören da einfach Tracks rein, die mir gefallen, die passen und die auch helfen, die Geschichte zu erzählen – auch wenn das bedeutet hat, dass wir einen großen Teil unseres Budgets dafür verwenden mussten. (Songs: The Gaslamp Killer feat. Dimlite – „Seven Years of Bad Luck for Fun“ /  Tim Hennig – „Aware Of Time Sequence“ /  Menahan Street Band – „Keep Coming Back“ )

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08 — WORD! Da lässt sich eigentlich nicht mehr viel hinzufügen – hast du noch irgendwas was du dir von der Seele reden möchtest?

 

Hey, das Projekt ging jetzt einfach ewig lang, ich hab da jetzt über eineinhalb Jahre dran gearbeitet, von der Planung bis jetzt. Ich hab das Ding so lange in meinem Kopf rumgetragen und oft auch garnicht dran geglaubt, dass ich es wirklich irgendwann umsetze, aber es hat dann doch Schritt für Schritt funktioniert. Ich habe dadurch eine Menge Leute kennengelernt und bin einfach froh, wie es gelaufen ist. Auf jeden Fall großes Dankeschön an die Filmakademie, die mir das ganze überhaupt erst ermöglicht hat. Großes Dankeschön an Dominik Schneider, Daniel Wagner und Frederic Kuntz, die mir beim filmen geholfen haben. Ganz besonders will ich mich bei meiner Produzentin Laura Messner und meinem Editor Victor Haselmayer bedanken, der mit mir den Schnitt gemacht hat und der mir mega geholfen hat, das Konzept aus meinem Kopf wirklich in den Film zu bekommen. Vielen Dank außerdem an Tim Hennig, Benedikt Vogler und Tilo Ehmann für Filmmusik und Sounddesign. Und natürlich auch einen großen Shoutout an dich Kili und das Irregular für das Interview und den Support! Zu guter Letzt natürlich noch ein dickes Danke an alle Skater, die am Start waren, mit mir filmen gehen wollten und mir ja am Anfang auch Vertrauen entgegengebracht haben – ich mein, manche kannte ich halt nur vom Skaten, aber manchmal heißt das ja auch nich so viel im Alltag. Ich glaube viele wussten auch nicht wirklich, dass ich Filme mach und da fand ich es schon ziemlich geil, dass da so viel Bock da war, mit mir auf Mission zu gehen für ein „experimentelles Skatevideo mit Animationen“. (lacht) Also Danke nochmal an:  Michael Tan, Sandro Trovato, Simon Gärtner, Marvin Sauer, Alex Misch, Mark Metzner, Yannick Stechmeyer-Emden, Jessi Heighty, Daniel Trautwein, Roman Jahns, Moritz Schulte-Kulkmann, Kai Boblenz, Maxi Gradl, Denis Nitsche und Alex Schulz.

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